Der Herr Lehmann

Der Männerbereich war dort mit einem großen Piktogramm und der Signalfarbe Blau ausgewiesen, und das war auch gut so, denn Herr Lehmann hatte vor allem davor Angst, aus Versehen in den Frauen-Umkleidebereich zu gehen und dort des Spanner- und Lustmolchtums bezichtigt zu werden, gerade jetzt zog dieses Bild in einer Art Wach-Alptraum durch sein Bewußtsein und ließ ihn erschaudern. (Sven Regener: Herr Lehmann, S. 68)

Fast könnte man meinen Sven Regener hat eine Sprachform gewählt, die seine Leser bei ihrem Leselustmolchtum hindern soll: eingeschobene Kurzsätze, verschachtelte Sätze, wie beiläufig eingefügte Erinnerungen, Kurzgedanken… So muss man sich schon beim Befolgen Mühe geben und mitgehen, wohin Herr Lehmann geht, zurück kommen, wenn er will, und das alles auch völlig normal finden. Tut man auch. Mit großer Freude. Und so kommt es dann, dass man irgendwann in einem türkischen Imbiss sitzt und bald das Ende einer eher romantischen Geschichte erleben darf.

Auch wenn man also sein Spannertum links liegen lassen muss und alles seine Grenzen hat und eine gewisse Distanz herrscht, so ist man dennoch nicht davor gefeit, von Katrin enttäuscht zu sein: Wie wird aus einem, tja, rassigen Weib?, ein ganz gewöhnliches Mädel mit typischen Frauensprüchen und dem Fanta-Rainer zur Seite? Oder habe nur ich nach dem recht feurigen Kennlernritual von Herrn Lehmann und Katrin die Erwartungen zu hoch gesteckt und gedacht, das sind ja zwei auf ewig verbundene Naturintelligenzmolche und sexy oben drauf? Zugegeben, ich bin mir nicht sicher, ob ich nur vom Buch und nicht auch vom Film rede, doch hilft mir das jetzt auch nicht, mit der ganzen Enttäuschung, die ich da abgekriegt habe, in der türkischen Imbissbude.

Genau so wenig weiß ich, wieso ich Herrn Lehmann eigentlich beneide. Da arbeitet einer in einer Kreuzberger Kneipe, und wenn er nicht arbeitet, dann hält er sich in Kneipen als Gast auf, hat Freunde, redet bisschen rum, beobachtet ein wenig, aber nicht zu genau, erlebt Sachen und wird dann vom Leben und von der Geschichte überrascht. Wieso finde ich das so beneidenswert? Steckt eine gewisse Freiheit dahinter oder eher nicht? Sind nicht geistig dauerpräsente Hochleistungstussis freier?

Das Bild zog davon und ließ mich erschaudern.

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