The Bourne Ultimatum

Er war regelrecht dazu auserkoren worden, mein Opfer zu werden, so viel stand fest. Das Schicksal hatte an jenem Abend die Karten im Automaten nicht bedruckt und wir bekamen als Ersatzplätze eine so genannte Kuschelbank in Reihe M. Das ist die Reihe mit der Stange davor, wohl als Schutzgeländer gemeint.

Meiner Meinung nach musste es sich bei dem schlacksigen Mann, der so ganz allein den Sitz links von mir bewohnte, um einen Single handeln. Sauber und gepflegt sah er nur auf den ersten Blick aus, den zweiten wollte ich nicht. Mich quälte ja auch was ganz Anderes, nämlich die riesige Popcorntüte in seiner Hand. Es war auch nicht die Tüte, sondern die Geräusche, die beim Leeren derselben aus seinem Mund kamen. Krc. Krc KRC KRC krc. Ich wurde unruhig. Ich warf einen geheimen Blick auf die Tüte. Auch das noch: Größe XXL. Krc Krc Krc. Mir war natürlich klar, dass man Popcorn keinesfalls leise und stilvoll essen kann, dennoch dauerte es keine 5 Minuten, bis ich dem Single neben mir Mangel an Erziehung, dann Mangel an Frau und zu allerletzt Absicht unterstellte. KRC KRC krc krc.

Um meinen Unmut zu verbergen, beklagte ich mich laut über die Werbung, vor allem über die Musik. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass ein aus den Lautsprechern quäkender Typ schon seit Monaten dasselbe schwarze Hemd trägt oder anzieht oder was auch immer. Und dann das Gequieke von einem anderen bekannten Sänger – sowas hat man zu Hause ja nicht. Zwischendurch merkte ich, dass der Ernährungsenthusiasmus bei meinem Sitznachbarn abnahm. Er wurde langsamer und stiller. Ob er begriffen hat, was mich wirklich stört? Nein. Der Kieferstillstand war vorläufig, dann ging es weiter. Krc krc krc. Wieso um alles in der Welt wollten wir ins Kino.

Ach so, um Jason Bourne zu sehen. Ein toller Typ, Matt Damon. Leise und flink. Und die Musik so laut, dass kein Popcorn der Welt sie durchdringen kann. Meinem schäbigen Sitznachbarn für den Rest seines Lebens dennoch keine Chancen auf eine Partnerin gebend, entspannte ich mich und widmete mich dem Film. Bis der ach so unnachsichtig behandelte Single seine Füße auf der Reling vor uns ablegte. In Kopfhöhe. Große Füße, sie ragten in meinen Blickfeld und verstellten den ernsthaft aussehenden Mund von Nicky Parsons, als sie gerade das falsche Passwort durchgab. Everest. Leider bin ich nicht von der Sorte, die was sagt, wenn es die Umstände eigentlich verlangen würden. Abgesehen davon war ich mir sicher, er würde merken, dass es nicht nur seine Füße sind, die mich stören, sobald ich den Mund aufgemacht habe. Also legte ich meine (auch nicht gerade kleine) Füße auch auf die Reling. Aber viel tiefer als er, nur der obere Teil von meinen schicken schwarzen Schuhen berührte die Stange. Ob das eine pädagogische Wirkung hat? Nö. Von wegen: Autos rasten unter seinen großen Füßen vorbei, Jason Bourne prügelte alles weg, was ihm in den Weg kann, Leute telefonierten, alles im Schatten zweier großen Schuhe von jemandem, der von nichts wusste. Angeblich! Irgendwann ließ er die Füße runter, aber da war ich schon viel zu sehr in den Film vertieft und hatte mich an die zwei Schuhe als integrale Teile meiner Filmerfahrung gewöhnt. Verdammte Singles. Sobald der Film vorbei war, schaltete er sein Handy ein.

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